Ballerspiel-Verbot

E-Killer sind keine Killer

27-jähriger Syrer sprengt sich in Ansbach in die Luft, 17-jähriger pakistanischstämmiger Afghane schlägt mit Axt in einem Würzburger Regionalzug um sich, 18-jähriger Deutschiraner läuft Amok in München: Die jüngsten „Terror“akte Jugendlicher in Deutschland, um nur die wichtigsten Meldungen der letzten Tage zu nennen, lassen leider wieder eine vorurteilsbehaftete Diskussionsdebatte um das Killer-und Ballerspielverbot aufkommen. Hier das Statement eines passiven E-Killers und leidenschaftlichen Ballerspielers.

Da sind sie wieder: Die unsinnigen Forderungen von bestimmten Politikern nach einem Verbot von Killer- und Ballerspielen respektive damit einhergehender Zensur von Medieninhalten und damit die indirekte Unter-Generalverdacht-Stellung-aller-Shooterspieler unmittelbar nach jedem Amoklauf ver(w)irrter Wahnsinniger und Einzeltäter.  Analog zur These „Nicht jeder Islamist ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Islamist“ ( – schon die krankhafte Massakertat Breiviks auf Utoya lässt diese These ungültig werden, Anm. d. Red. –) wird nun die These von mediengeilen und aufmerksamkeitsheischenden Politikern aufgestellt: „Nicht jeder Ballerspieler ist ein Amokläufer, aber jeder Amokläufer ist ein Ballerspieler“.

In diesem Beitrag möchte ich auf die Aspekte eingehen und ein wenig die Hintergründe und möglichen Beweggründe solcher wahnsinniger Taten eingehen, ohne diese in irgendeiner Form rechtfertigen zu wollen. Amokläufer sind und bleiben immer psychisch labile Charaktere, die dem täglichen Leistungs- und Überlebensdruck nicht gewachsen sind. Sie sind aber gleichzeitig leider auch ein trauriges Abbild „un“menschlicher Zivilisation und das Produkt missverstandenen und fehlinterpretierten Miteinanders.

Die Fakten

Columbine Highschool, 20. April 1999 am Todestag Hitlers, US-Denver, Littleton: Beide Täter Eric Harris und Ted Klebold waren große Fans von Ego-Shootern und bekennende Anhänger einer Shooter-Spielszene, Ted Klebols Vater ist Militärangehöriger, beide Täter waren bereits auffällig durch auffällige Äusserungen in selbstgedrehten Videos und wurden sogar bereits wegen Einbruch verurteilt. Eric Harris befand sich bereits in psychiatrischer Behandlung und nahm Antidepressiva ein

Das Columbine-Massaker führte zu vielen Nachahmungstätern weltweit (siehe Verehrung für die Amokläufer von Hauke Friederichs), trotzdem hat sich an den US-Waffengesetzen seitdem nicht viel getan.

Spätestens seit diesem Amoklauf wird logischerweise bei jeder Straftat und der damit verbundenen Hintergrundarbeit der zuständigen Behörden und der Mordaufklärung auch auf die Beziehung zu Killer- und Ballerspielen eingegangen wie wir im folgenden Beitrag lesen können:

„Amoklauf von Eching und Freising, 19. Februar 2002, Bayern: Erwähnung, dass keine Computerspiele gefunden wurden.

Amoklauf von Emsdetten, 20. November 2006 in der Geschwister-Scholl-Real-schule, Emsdetten (NRW). Der Täter galt als Fan von sogenannten Killerspielen.

Amoklauf von Winnenden, 11. März 2009 in der Albertville-Realschule, Winnenden, nahe Stuttgart. Auch hier wurden Killerspiele gefunden.

Amoklauf von Ansbach, 17. September 2009 am Gymnasium Carolinum in Ansbach, Mittelfranken. Es wurden keine gewalthaltigen Computerspiele gefunden.“

gefunden bei Süddeutsche.de „Machen Killerspiele Killer? von Bernd Graff.

Amoklauf von München, 22. Juli 2016 in der Innenstadt: Es wurden gewalthaltige Killerspiele gefunden.

Leider finden diesbezügliche Äusserungen von fach- und sachunkundigen Politikern in Medien, die alle Killer- und Ballerspiele in einen Topf werfen und ein generelles Verbot dieser fordern, immer wieder Gehör was in einer demokratischen Gesellschaft mit freier Presse- und Meinungsäusserungsfreiheit auch gut ist, aber man sollte eher auf die relativ gute Arbeit der USK eingehen und vertrauen das sehr schwierige Thema von Gewalt in Medien und der damit verbundenen Altersfreigabe besser beurteilen zu können.

Gewalt ist eine evolutionär menschliche Eigenheit

Es ist durchaus schwierig über das Thema Verbot von Killerspielen unabhängig zu diskutieren ohne es sauber vom Thema Gewalt in Medien und Internet zu trennen. Wenn wir nicht eine Gattaca-ähnliche Gesellschaft haben wollen in welcher alles verboten und zensiert wird und darüber was Richtig oder Falsch ist einzelne autokratische Erdogan-ähnliche Charaktere alleine bestimmen dürfen, so kommen wir leider nicht herum das Wesen der menschlichen Spezies kurz zu beleuchten. Unabhängig ob aus religiösen oder evolutionären Standpunkt aus gesehen, in beiden spielt Gewalt eine große Rolle. Sei es ob Kain Abel erschlug oder die ersten Menschen sich beim Kampf um Ressourcen gegenseitig töteten, unsere menschliche Spezies neigt viel zu häufig zu Waffengewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen.

Jugendlicher-Ballerspieler vs Nazi-Opa

Was des Einen virtuell erlebbar, ist des Anderen Reallife gewesen

Die traurige Geschichte der beiden Weltkriege und die unzähligen historischen Kriege haben bis dato Milliarden von Menschenleben gefordert. Jugendliche werden heute in Dokumentationsfilmen im Schulunterricht darüber aufgeklärt, dort werden Themen wie Massenmord und Kriegsverbrechen behandelt, aber leider gibt es keine Killerspielstunde von World at War oder Call of Duty. Dabei behandeln beide Medien die Auseinandersetzung mit Krieg, Tod und Gewalt, wobei aber in Spielen die Jugendlichen eine virtuell aktive Rolle des Historischen einnehmen können. Bald werden solche Spiele noch intensiver mit VR erlebbar sein. Werden wir dann durch den technischen Fortschritt eine potentielle Scharr von Amoktätern heranziehen?

Ich denke, die Zeit ist reif in Schulen ein Schulfach einzuführen, das explizit dieses Thema „Medien, Gewalt und Virtual Reality“ behandelt und die Jugendlichen abseits ihres elterlichen Heimes begleitend vom ersten bis zum letzten Schultag USK-Altersfreigabe-gemäss auch von staatlicher Pflichtseite an die technischen Innovationen der Zukunft herangeführt und gebildet werden. Zocken zu Bildungszwecken sozusagen. Wenn die Strukturen auch von dieser Seite aus nicht geschaffen werden, sondern alles nur auf die Erziehung im Elternhaus abgewälzt wird, befürchte ich hier eine leichte Überforderung von „nicht-zockenden“ Eltern und der Unfähigkeit dieser sich mit dem „gewaltigen“ Spektrum der heutigen Videospiel- und PC-Spielszene richtig auseinandersetzen zu können.

Saubere Trennung der Begriffe Killer- und Ballerspiele

Auch Tom und Jerry sind höchst gewalttätig und sogar gewalt verharmlosend. Hier streiten sich bestimmt die Erziehungswissenschaflter und Familientherapeuten welcher Konsum für Kinder und Jugendliche gefährdender sein kann. Wenn sich der Kater und die Maus in jeder Folge lustig auf die Köppe hauen und danach wieder aufstehen und weitermachen, kann dies bei Kleinkindern durchaus dazu führen Gewalt als nicht schlimm zu empfinden. Der „eigene virtuelle Tod“ so blutig wie möglich inszeniert, kann auch eine abschreckende und ekelerregende Erziehungswirkung haben. Sonst müssen die Forderungen auch soweit gehen sämtliche Itchy und Sratchy-Folgen aus den Simpsons zu verbieten.

Wie kann hier eine eindeutige Grenze gezogen werden? Und welche staatliche Organisation oder Ministerium soll dies überwachen? Das Bundesinnenministerium? Das Bundesverteidigungsministerium? Der Bundessicherheitsrat? Letzterer segnet jährlich den Export von unzähligen menschenvernichtenden Massenvernichtungswaffen in alle Welt ab. In Amerika werden von Headhuntern aus den Reihen des Militärs Jugendliche auf Spielemessen für den Dienst an der Waffe begeistert. Dies ist bestimmt auch in anderen Ländern nicht unüblich. Der Waffenhandel weltweit floriert und Amerika, Russland, China, Deutschland, England und Frankreich sind dabei führend. Angesichts dieser Tatsachen scheint die Trennung der Begriffe Killer- und Ballerspiele nahezu lächerlich unwichtig. Dennoch sollte man sich hierüber im Sinne der Jugenderziehung und -förderung etwas mehr Gedanken machen als eine reine Pauschalisierung vorzunehmen.

In bestimmt 75% aller Videospiele kommen Waffen aller Art zum Einsatz, 95+ % haben gewalthaltige Szenen zum Inhalt, auch der fasswerfende Donkey Kong will mit Gewalt den Spieler daran hindern die Etagentreppen und -leitern hinaufzusteigen. Die Film- und Spielindustrie kommt am Thema Gewalt, der Inszenierung von Gewalt und der Behandlung dieses Themas nicht herum. Wer will auch jeden Tag Candy Crash-Bonbons zerplatzen lassen, verbringt man damit den Großteil seiner Freizeit halte ich dies aus suchttherapheuthischer Sicht genauso für bedenklich wie wenn jemand die ganze Zeit Ballerspiele online spielt.

Zunehmender Leistungsdruck, Jugendarbeitslosigkeit und Armut

Der Leistungsdruck und die Erfolgserwartungshaltung in kapitalistischen Ländern nimmt immer mehr zu. Jugendliche werden vom Schulsystem und ihrem Elternhaus zum Erfolg verdammt und die Mentalität „Nur der Zweite zu sein reicht nicht!“ bekommt eine zu große Bedeutung in der Kindes- und Jugenderziehung. Es ist kein Zufall, daß die meisten schrecklichen Amokläufe von Jugendlichen bis jetzt in den USA passiert sind. Der freie Zugang zu Waffen und der enorme Leistungs- und Erfolgsdruck gepaart mit einer krankhaften Zweikampf- und Konkurrentenmentalität schwappt immer mehr auch in andere Länder der westlichen Zivilisation wie z.B. Deutschland, Frankreich über.

Ein „Misserfolg“ in der Schulzeit wird sofort eng mit einem unweigerlichen beruflichen Misserfolg im weiteren Lebenslauf von Heranwachsenden verknüppft. Verwunderlich ist es nicht, wenn Jugendliche ohne Rückhalt von Eltern oder sozialen Einrichtungen eine „Erfolgsnische“ in ihrer Freizeit in Killer- und Ballerspielen finden und hier traurigerweise zum erstenmal „echte“ anonymisierte Bewunderung und Akzeptanz ihrer Altersgenossen erfahren. Plötzlich werden Killstatistiken und Ratinglisten zum einzigen Aushängeschild und Vorzeigezeugnis. Die kapitalistische Gesellschaft und Wirtschaftsordnung muss sich hier leider den Vorwurf gefallen lasssen bei der strikten und einkommensbestimmenden Einteilung in „minder- und mehrwertige“ Tätigkeit auch eine Einteilung in „gut und schlecht“ vorzunehmen. In sozialistisch geführten Ländern oder eher sozial ausgerichteten Gesellschaftsformen ist der Anteil an jugendlichen Amokläufern geringer oder zumindest dringt die Nachricht darüber weniger in das Medienbewusstsein unserer Nachrichtenlandschaft.

Genauso wenig wie es einen Kausalzusammenhang zwischen Killer- und Ballerspielen und Amokläufern gibt, ist der Kausalzusammenhang zwischen Leistungsdruck, Jugendarbeitslosigkeit, Armut und Amokläufen nicht einwandfrei herstellbar. Sonst müsste man in Ländern mit großer Jugendarbeits- und Perspektivlosigkeit wie z. B. Spanien, Portugal, Griechenland eine hohe Zahl an solchen Vorfällen vermuten. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein. Wie erklären wir also das „häufige Auftreten“ von jugendlichen Amoktätern in den USA, Deutschland und auch Frankreich, die keinen IS-terroristischen oder extrem-islamistischen Background haben?

Gibt es denn überhaupt einen oder mehrere verlässliche Parameter, die darauf hindeuten könnten, wo und wann ein Jugendlicher „austicken“ kann? Es scheint der Mix aus

  • persönlicher charakterlicher Schwäche und psychischer Instabilität Heranwachsender
  • freier oder leichter/kaum kontrollierter Zugang zu Waffen
  • enormer Leistungs- und Erfolgsdruck für den Einzelnen
  • verwahrloster und überforderter Elternhaushalt, Vernachlässigung der Kinder, Gleichgültigkeit und Unkenntnis der Gemütszustände
  • extremer und einziger Konsum von gewalthaltigen Medien wie Ego-Shootern und Trash-Musik

zu sein, die Auslöser und Förderer von Amokläufern sein können. Es alleine auf einen Punkt zu beziehen, einen einzelnen Bezug herzustellen und daraus gesetzliche Massnahmen zu erlassen, die an der Realität vorbeigehen, halte ich für eine kurzfristige undurchdachte Lösung und Versagen der Politik.

Viel wichtiger wäre meiner Meinung nach um nur ein paar Punkte zu nennen:

  • striktes Waffen- und Verkaufsverbot für den privaten Sektor ohne Ausnahmen und Sonderregelungen
  • sofortige Sperrung von Verkaufsportalen im sogenannten Darknet, die Schußwaffen jeglicher Art anbieten, Verpflichtung der einzelnen EU-Nationalstaaten zur „schußwaffenfreien EU“
  • internationale Blacklist von vermeintlichen privaten Händlern und die Import-Export-Überwachung ihrer Güter- und Paketströme
  • Sonderstelle bei Europol und die Verpflichtung der EU-Mitgliedsstaaten über die Meldung von Schußwaffenhändlern und deren Aktivitäten
  • höhere Freiheits- und Geldstrafen für unerlaubten Waffenhandel und -besitz
  • Abschaffung von Schützenvereinen mit kleinkalibrigen Waffen oder Verlegung dieser in staatlich kontrollierte Einrichtungen
  • Alle Maßnahmen zur Verringerung von Schußwaffen, dessen Herstellung, Vertrieb und (Be)Nutzung

Utopische Forderungen wären:

  • Massenproduktion von kleinkalibrigen Schusswaffen für den Privatsektor herunterfahren bis auf die reine Bedarfsdeckung der Polizei- und Sicherheitskräfte, völliger Export-/Importverbot

Der Schütze aus München hatte eine widerhergestellte Theaterwaffe slowakischen Ursprungs im Darknet ersteigert und dazu noch 300 Schuß Munition angesammelt. Wie können für die Filmindustrie „entschärfte“ Filmrequisiten überhaupt so einfach untergehen, welcher Betrieb/Fachpersonal mit Fachkenntnissen ohne staatliche Aufsicht hat diese wieder schußbereit instandgesetzt und wie kommt sie dazu noch im unbeaufsichtigten Darknet ersteigert werden zu können und vermutlich dann noch über einen Paketdienst von der Slowakei nach Bayern zu gelangen? Wie kann es sein, daß diese Glock 17 eine Standardwaffe für Polizei- und Sicherheitskräfte solch einen Vertriebsweg nimmt ohne daß es irgendjemanden im Ansatz auffällt?

Auch wenn solche Ereignisse tragisch sind, halte ich die Suche nach dem „schuldigen Auslöser im virtuellen Killer- und Ballerspielmarkt“ angesichts dieser Sachlage und der hohen kriminellen Energie des Täters im Darknet für völlig absurd. Wir brauchen somit keine größere Sanktionierung des Videospielsektors als den bereits gängigen, sondern eine bessere Kontrolle des Waffenmarkts von der Pike auf zu gut deutsch. Hier ist also der Staat in der Pflicht seine Hausaufgaben in Punkto Sicherheit und Kontrolle von Schußwaffen zu verbessern und nicht Alibi-Schuldige in der Videospielbranche zu erspähen.

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